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Interview mit Felix Jansen von der DGNB Teil 1

„Einfach mal anfangen!“ – das ist der Rat von unserem heutigen Interviewpartner Felix Jansen, der bei der DGNB, der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen arbeitet. Einfach mal anfangen und einen Teil zum Thema Nachhaltigkeit beitragen. Im ersten Teil des Interviews erfahrt ihr, was Felix bei der DGNB macht, was die Beiträge der DGNB zur Nachhaltigkeit sind und welche Erfolge bereits gemeinsam gefeiert wurden. 

Herzlich willkommen, heute bei mir im Gespräch ist Felix Jansen von der DGNB. Jetzt fragen sich vielleicht einige Leser: „Was ist denn die DGNB und wer ist denn Felix Jansen?“. Deswegen würde ich dich einmal bitten, dass du dich und die DGNB einfach mal vorstellst.

Hallo erstmal! Schön, dass ich das Gespräch führen kann. Genau, mein Name ist Felix Jansen. Ich arbeite bei der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen. Das ist in Europa das größte Netzwerk, das sich für das Thema Nachhaltigkeit im Bauen einsetzt, mit 1300 Mitgliedsorganisationen aus allen möglichen Bereichen der Bau- und Immobilienwirtschaft. Die Idee der DGNB ist, den Status quo im Bauen (wie wir bauen und wie wir da vorgehen) in ein anderes Qualitätsverständnis zu transformieren. Das Prinzip einer ganzheitlichen Nachhaltigkeit als Basis. Die DGNB gibt es jetzt seit knapp 14 Jahren. Die Organisation hat, glaube ich, einen ganz wesentlichen Beitrag dazu beigetragen, dass wir schon ein paar Schritte weitergekommen sind. Wir bieten noch als ein wesentliches Tool eine Zertifizierung von nachhaltigen Gebäuden und Quartieren an, damit ein Gebäude oder Quartier nachher sowohl gut für den Menschen, aber eben auch gut für Klima und Umwelt ist. Das ist im Wesentlichen der wichtige Dreiklang, für den wir uns einsetzen. Wenn wir das nicht tun, ist da einfach die Chance, dass ein Gebäude entweder eine negative Umweltwirkung hat oder eben dann nicht genutzt wird und doch wieder abgerissen wird – lange vor seiner eigentlichen Lebenszeit. Ich selbst mache das seit ein bisschen mehr als sechs Jahren bei der DGNB. Dort bin ich ein Teil von PR, Kommunikation und Marketing und kann da ein stückweit mitbestimmen, wie wir als DGNB auftreten und dass möglichst viele Menschen, wie ihr auch, mitkriegen, dass es uns gibt und dass es sich vielleicht lohnt, uns zu unterstützen oder an dem Thema zu arbeiten.

Das klingt auf jeden Fall super interessant. Wir bei Plakat Quadrat werden uns ja auch mehr mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Was kann unser Unternehmen machen, um nachhaltiger und ressourcenschonender zu arbeiten? Bei der Recherche zu diesem Thema bin ich auf euch gestoßen und dachte, dass es auf jeden Fall interessant ist, da nochmal genauer nachzufragen. Du hast gesagt, dass es euch seit 2007 gibt und du bist jetzt seit sechs Jahren dabei. Was für Entwicklungen hast du denn jetzt schon im Laufe der letzten sechs Jahre wahrgenommen?


Also es tut sich was. Gott sei Dank! Das ist wichtig und gerade, wenn man mit dem Thema Kommunikation dort zu tun hat, kriegt man ein bisschen mehr ein Gespür, wie das am Markt ankommt. Das Thema hat eine Historie, die weltweite Bewegung sowie auch das „Green Building“ in Deutschland, kam aus der „Green Ecke“. Und grundsätzlich hat sich einfach im Markt schon ganz viel bewegt. Hersteller gucken heute, dass sie, wenn sie neue Produkte entwickeln, Informationen, vor allem zu Nachhaltigkeitsqualitäten, einholen. Da hat sich ein eigener Markt entwickelt. Immer mehr Bauherren achten darauf und lassen sich durch Zertifizierung und Prozess begleiten. 

Es gab ganz viele erste Pioniere, die mal losgelaufen sind. Gott sei Dank war auch die Menge an anderen Menschen und Organisationen zu Beginn relativ groß. Und was sich in den letzten Jahren gewandelt hat, ist die Menge derer, die sagen: „Wow, Nachhaltigkeit ist ja irgendwie alles und nichts und es ist ein tolles Wort. Aber irgendwie kann man sich wunderbar dahinter verstecken und deswegen machen wir mal lieber nichts.“ Wir empfinden, dass dies spürbar abnimmt. Gerade jetzt in den letzten 12 bis 18 Monaten merken wir, dass die Zahl der Menschen und Organisationen, die Lust haben; die verstanden haben, dass es darum geht, das Konzept nicht grundsätzlich in Frage zu stellen, zum Glück zunimmt. Was mehr wird sind Leute, die verstanden haben: „Man muss da was tun!“. Man hat eine große Verantwortung als Branche und man sieht uns ein stückweit auch als Anlaufstelle, bei denen man das Gefühl hat, dass man da auch wirklich etwas bewegen kann. Und ich glaube, das ist so das Wesentliche. Wir reden heute wie selbstverständlich über manche Dinge. Auch über den Begriff nachhaltiges Bauen. Das wird einfach wie selbstverständlich genutzt. Das war vor ein paar Jahren noch nicht so, sondern da war es immer hinterfragbar, zum Beispiel in Magazinen: „Soll ich das wirklich als Hauptthema auf das Cover stellen? Ist es nicht irgendwie ausgelutscht?“ – Fragen, die man sich gestellt hat. Und verrückt: Plötzlich will jeder Veränderung, es spricht jeder darüber. Insofern ist das eine gute Botschaft. Und ich glaube, da sind ganz viele Sachen zusammengekommen. Auch natürlich der gesellschaftliche Druck, beispielsweise durch Fridays for Future und andere Dinge. Kommunen wollen dadurch auch etwas tun. 


Vielleicht auch Erfolge sehen, oder? Das kann ich mir auch vorstellen. Wenn man arbeitet und arbeitet und man sieht keine Erfolge, ist das natürlich auch ein bisschen ernüchternd. Aber du hast ja gerade erwähnt, dass in den letzten Jahren oder anderthalb Jahren auf jeden Fall nochmal mehr geschehen ist und einen Schub dahingehend passiert ist. Da stelle ich mir vor, dass diese Erfolge dann auf jeden Fall auch schön mit anzusehen sind. Wenn man sieht, es wächst und das funktioniert, was man macht.


Ja. Wobei da natürlich die Frage ist, was ist das für ein Erfolg? Und klar, wir haben X Zertifizierungen. Wir haben mittlerweile über 7000 Projekte in fast 30 Ländern zertifiziert und mehr als 5000 Menschen in 40 Ländern ausgebildet, das sind jetzt erstmal alles Zahlen. Ich tue mich selbst mit den Zahlenspielereien immer ein bisschen schwer. Was sagt das eigentlich aus? Es ist gut, dass es passiert ist. Und dann kann ich jetzt aber genauso hingehen und sagen: „Wow, in Deutschland gibt’s aber circa 40 oder 50 Millionen Gebäude und ich habe davon 7000 angeschaut. Es ist doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ Das heißt, Erfolge grundsätzlich an reinen Zahlen zu messen, ist gar nicht unbedingt der cleverste Weg. Es gibt viel mehr Antrieb, wenn man merkt, dass man Menschen im positivsten Sinne damit infiziert, für diese Begeisterung, für dieses Thema. Das kann ich jetzt gar nicht so sehr messen. Viel wichtiger ist es uns, dass es dann auch Unternehmen sind, die jetzt nicht sagen: „Ich überweise euch jetzt einmal im Monat einen Betrag oder immer im Jahr einen Mitgliedsbeitrag.“, sondern die sagen: „Ich möchte da mitarbeiten, ich möchte wirklich etwas verändern. Ich kann auch was tun und will mit euch zusammenarbeiten.“ Und das ist, in den Augen meiner Leute, viel mehr Erfolg, auch wenn es nicht so richtig messbar ist.

© http://swercarlin.com/


Ja das glaube ich. Du hast gerade schon mehrfach die DGNB-Zertifizierung erwähnt. Da interessiert mich natürlich, was genau hinter dieser Zertifizierung steckt und wie man die bekommen kann. 


Die Idee von der Zertifizierung kam mit der Gründung von unserem Non-Profit Verein. Veränderung schaffe ich ja nur, wenn ich Jemandem etwas mit an die Hand gebe, was den Status quo besser machen kann. Bauen ist komplex, es ist wichtig das anzuerkennen. Es sind wahnsinnig viele unterschiedliche Akteure beteiligt, es hat lange Vorlaufzeit und es hat eine wahnsinnig große Tätigkeit. Aber so ein Gebäude steht auch einfach lange. Das heißt, all das, was wir heute machen (wir bauen ja heute die Städte von morgen) müssen wir möglichst gut und genau machen. Die Zertifizierung besteht aus ganz vielen unterschiedlichen Kriterien, die alle einen Beitrag dazu leisten, dass ein Gebäude im Sinne von einer ganzheitlichen Nachhaltigkeit, besser wird. Es ist ökologisch besser für Menschen, weil das etwas ist, was kulturell gut ist; was geschaffen wurde; was auch gepflegt werden will und eben erhalten bleibt. Was dort definiert ist, ist im Endeffekt eine gemeinsame Wissensgrundlage, damit ein Bauherr zusammen mit den Planern und den Architekten und dann auch letztlich mit den Herstellern und den Handwerkern über die gleichen Sachen sprechen kann und sie die gleichen Anforderungen kennen. Das ist ein ganz wesentlicher Wert, den die Zertifizierung geschaffen hat.

Der Begriff der Zertifizierung hat die Beliebigkeit aus dem Begriff Nachhaltigkeit eliminiert und quasi eine gemeinsame Wissensgrundlage erschaffen, die im Bau fundamental wichtig ist, weil es eben so komplex und vielschichtig ist. Wenn man es richtig anwendet, nutzt man das Planungs- und Optimierungstool zu einer frühen Phase. Das heißt, es gibt eine grobe Idee, wie ein Wohngebäude entstehen soll. Je früher ich mich mit den Themen beschäftige und auf Basis eines vorhandenen Budgets überlege, was ich machen kann und will, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass keine Folgekosten entstehen können. Und wenn man das als Planungs- und Optimierungstool wirklich anwendet und sich rechtzeitig mit den Themen auseinandersetzt, kann dieses Wesentliches leisten. Konkret läuft es so ab, dass ein Bauherr sich den sogenannten DGNB -Auditor sucht. Das ist Jemand, der sich über unsere Akademie ausbilden lässt, aber frei am Markt aktiv ist. Im Grunde genommen begleitet er den kompletten Planungs- und Bauprozess. Der weiß genau, was er an Dokumentation einreichen muss und kann innerhalb der Projekte selbst beratend tätig sein. Dadurch hat man eine Qualitätssicherung und eine Risikominimierung in dem ganzen Prozess. Wenn das Ganze durchlaufen ist, dass ein Gebäude quasi fertiggestellt wurde, wird am Ende zum Beispiel nochmal eine Innenraumluftmessung gemacht. Dann wird es bei uns eingereicht und wir schauen als Zertifizierungsstelle ganz neutral darauf und sagen: „Okay, das wird in all den Kriterien qualitativ umgesetzt.“ Daraus errechnet sich am Ende ein Gesamterfüllungsgrad, also quasi ein Prozentsatz. Je nachdem wie hoch der ausfällt, gibt’s dann am Ende ein Zertifikat. Es gibt Platin, Gold und Silber. Letztlich ist das das Instrument, welches dann auch unbedingt zur Kommunikation und Vermarktung eingesetzt werden sollte. Es ist ein Ergebnis von einem langen, erfolgreichen Prozess, der dazu beigetragen hat, dass etwas besser wurde. Es ist uns wichtig zwei Sachen zu betonen: Es geht nicht primär um die Plakette. Wenn Bauherren dies nur machen, um am Ende eine schöne Plakette zu haben, geht die eigentliche Idee von der Zertifizierung verloren. Und das andere ist, dass es beim nachhaltigen Bauen immer darum geht, dass man innerhalb seines Budgets das Bestmögliche rausholt. 

Das klingt super interessant. Hast du gerade einen Überblick, wie viele Gebäude es derzeit in Deutschland sind, die eine DGNB-Zertifizierung erhalten haben

Wir haben jetzt über 7000 Gebäude weltweit zertifiziert, 85 Prozent entfallen auf Deutschland. Das heißt, ungefähr 6000 Projekte haben ihren Sitz in Deutschland. Es sind aber auch unterschiedliche Arten von Zertifizierungen. Wir haben ein eigenes System für Neubauten, aber auch ein System für Gebäude, die schon in Betrieb sind. Wir haben ein relativ neues System für den Rückbau von Gebäuden, um den Ressourcenschutz nochmal anders auf die Agenda zu bringen. Und da gibt’s tatsächlich relativ große Unterschiede. Also das kommt aus dem Büro- und Verwaltungsbereich. Wenn man in die großen Städten schaut, findet man eigentlich kaum noch eine Gewerbeimmobilie, das nicht zertifiziert wurde. Es einfach gängig, dass man das macht, weil es oft Objekte sind, die dann als Investition gehandelt werden. Es gibt andere Bereiche, zum Beispiel Verbrauchermärkte. Von Supermarktketten gibt’s kaum noch Neubauten, die nicht diesen Standards entsprechen.

Es gibt aber ganz viele andere Bereiche, wie zum Beispiel größere Wohnprojekte, wo wir merken, dass die bisherigen 13 Jahre seit der Zertifizierung, einfach noch nicht gereicht haben. Es gab noch keine Marktdurchdringung. Trotzdem merken wir, dass sich da was regt. Da gibt es auch erste Firmen, die es als Standard setzen. Immer dann, wenn jemand etwas zum Standard macht, gibt es viele andere, die darauf gucken und sagen: „Boah, das will ich auch machen.“ Das Wichtigste für uns ist, dass es angewandt wird. Es wird mit einer deutlichen Wachstumskurve nach oben angewandt. Es wird auch jetzt mehr an Förderthemen gekoppelt, das heißt, dass es auch da wahrscheinlich nochmal einen Schub geben wird. Im Moment basiert das alles zu 100 Prozent auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Ob das gut ist? Wir konnten auf jeden Fall lernen. Wir haben Bauherrn gehabt, die gezeigt haben, was alles möglich ist. Wir versuchen etwas zu bewegen und wenn es immer mehr wird, dann ist es natürlich am Ende noch viel schöner. 

Den zweiten Teil des Interviews könnt ihr schon morgen hier in unserem Magazin finden. Schaut in der Zwischenzeit gerne einmal auf unseren Social Media-Kanälen vorbei. 

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